Das neugotische Rathausgebäude in Stolp
In der Geschichte von Stolp gab es drei Rathäuser. Das älteste, aus dem Mittelalter stammende Rathaus, hatte einen Stufengiebel und einen kleinen Turm auf dem Dach, wie von Brüggemann in seinem Werk „Erschöpfende Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes der Königlich-Preußischen Herzogtümer Pommern“ von 1784 beschrieben. Es war auch teilweise auf der Stadtansicht von Lubinus' Pommernkarte von 1618 zu sehen. Ende des 18. Jahrhunderts wurde es durch ein neues Gebäude ersetzt, das von Anfang an als zu teuer und zu prunkvoll für die kleine Stadt galt. Es wurde 1798 fertiggestellt und stand auf dem Alten Marktplatz. Das über hundert Jahre alte Gebäude wurde nach dem Bau eines neuen Rathauses abgerissen, obwohl es Pläne zur weiteren Nutzung gab. Initiator des Neubaus war Bürgermeister Hans Matthes. Ursprünglich war ein anderer Standort für den Bau des Rathauses vorgesehen, aber aufgrund des sumpfigen Geländes entschied man sich für den heutigen Standort. Zuvor befand sich an dieser Stelle ein Tümpel, das „Quebbe vor dem Neuen Tor“, das Mitte des 19. Jahrhunderts zugeschüttet wurde. So entstand der heutige Platz des Sieges, früher Wollmarkt genannt und später Heinrich-von-Stephan-Platz, der sich Ende des 19. Jahrhunderts zu einem repräsentativen Ort entwickelte. Im Jahr 1910 wurde dort eine Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I. aufgestellt. 1897 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem etwa 500 Architekten teilnahmen. Das Berliner Team Karl Zaar und Rudolf Vahl gewann den Wettbewerb. Der Bau begann im April 1899 und wurde am 4. Juli 1901 abgeschlossen. Das neugotische Rathaus diente von Anfang an als Sitz der Stadtverwaltung. Der damalige Bürgermeister von Stolp, Hans Matthes, der dieses Amt von 1893 bis 1905 innehatte, gab für den Bau des neuen Rathauses das Doppelte des ursprünglich von der Stadtverordnetenversammlung vorgesehenen Budgets aus—600.000 Mark statt der geplanten 300.000 Mark. Das neue Rathaus war deutlich größer, als es für die damals etwa 30.000 Einwohner zählende Stadt erforderlich war. Außerdem verschuldete Matthes die Stadt um etwa 2 Millionen Mark, als er die Infrastruktur und Kanalisation ausbaute. Drei Jahre nach der Inbetriebnahme des Rathauses musste er aufgrund eines Skandals sein Amt niederlegen. Trotz der anfänglichen Kontroversen über den Bau des Rathauses erkannten die Einwohner von Stolp später die Verdienste von Hans Matthes an, verliehen ihm 1924 den Titel eines Ehrenbürgers und benannten eine Straße nach ihm.
